Pressespiegel

Süddeutsche Zeitung - "Das Rasen der Räder- bis zum Stillstand "

Ein starkes Stück Heimat: Werner Kubnys Film "Abenteuer Ruhrpott" läuft zur Wiedereröffnung des Kinos Lichtburg

Es ist auch eine Geisterstunde, heimelig und unheimlich zugleich, nüchtern und doch beschwörend: Werner Kubnys Dokumentation "Abenteuer Ruhrpott", durch die häufig das vertraute Bergmanns "Glück auf" echot, erzählt von einem Phantom der Freiheit, einem Leben in Würde, davon, was Heimat ist und wie sie einem genommen wird. Immer wieder in dieser Chronik des alten Reviers und ihrer Zeitbewegung zwischen Abbau und Aufbau, den Mikro und Makroprozessen und ihrer Verlängerung bis in die Gegenwart und in die Technologien angewandter Zukunft nimmt diese Idee der Freiheit Gestalt an. Hoffnung wird sichtbar in einzelnen Lebensentwürfen  im Schatten der IndustrieRelikte, ob der vornehmen, strengen Zeche Zollverein oder der ungeheuren Anlage Consolidation, Schacht IX, in Gelsenkirchen. Rasende Räderbis zum Stillstand.

Kubny erzählt viele Geschichten. Deshalb auch, so scheint es, kann der knapp zweistündige Film, dessen Kinopremiere nahezu symbolisch und programmatisch jetzt die Wiedereröffnung der Essener Lichtburg begleitet kein Ende nehmen. Er setzt viele Schlusspunkte, wenngleich nur wenige mit einem Happy End. Da ist der Förster auf Zollverein, der sich als "Ranger in einem Nationalpark" fühlt und hier nun eine Art Naturreservat hegt. Der Zeichner, der all seine Porträts der Kumpel unter Tage gemalt hatte. Der Rapper, der die Arbeitsverbindung seiner Familie mit dem HoeschKonzern in seinem Sound vertont. Und der ehemalige Betriebsleiter aus Rheinhausen, der nachdem Krupp das Werk geschlossen, es zum Recycling Unternehmen umfunktioniert, dann aber aufgegeben hatte dort zu seinem eigenen Chef wurde. Er auch sagt, als er über the waste land des früheren Stahlwerks geht und sieht, wie die Abrissbirne zugleich Erinnerungen mit weghaut, resigniert: "Es ist nicht mehr so wichtig". Feierabend. Deutschland von unten.

Kubny lädt seinen Film, dessen Kamera die Zechen, Halden, Stahlwerke und Kokereien umkreist und in sie eindringt wie in Körper, deren Organismus von Baggern wie von Bazillen befallen wird, mit einem nostalgiefernen Pathos auf. Trauer liegt darin, Wehmut und Sehnsucht. Ein Gefühl, das sich wiederholt, egal, wohin dieses "Abenteuer" führt.

"Wir hatten ja auch gute Jahre", heißt es lakonisch in Ralf Rothmanns Roman "Milch und Kohle" über eine Jugend im Revier. Der Satz ist in dem Buch abgesetzt vom übrigen Text und damit gebrochen, so wie Rothmanns eigenes Verhältnis zu seinem Herkommen. Bei Kuhnys Gang durch Arbeitersiedlungen mit den bescheidenen, gedrängt stehenden Backsteinhäusern ist vom "wohlfühlen als Stück Glück" die Rede, in dieser "italienischsten Landschaft in ganz Deutschland". Idyllen im Sonnenlicht, momentweise: Taubenzüchten auf dem Hinterhof, die Musikkapelle im Verein mit Kameraden, Fußball auf Schalke, die Kneipe, in der viele wohl ein Bier mehr tranken als gut tat, weil man ja doch stets "das Totenhemd trug" unter Tage. Und längst schiebt sich der Halbmond auf rotem Grund der türkischislamischen Bevölkerung vor die schwarze Sonne.

Die spezifische Kultur und Schönheit oder Anti-Schönheit wird in der Selbstwahrnehmung der Menschen aus der Region der 1000 Feuer als Wert viel weniger zweifelnd akzeptiert. Höchstens durch äußere Eingriffe beschädigt. Durch kalkulierte Fehlplanung, die gewachsenen Wohnraum etwa in einer Reißbrett-Architektur ausradiert; durch den Zugriff einer Wohnungsbaugesellschaft, die Grundstücke durch "Verdichtung“ parzelliert und die Bewohner verdrängt. Oder dadurch, dass ganze Viertel vernachlässigt und wie ausgestorben wirken. Sekundenweise kommt da DavidLynchAtmosphäre auf: Black Velvet im Pott. Intern aber sind Nachbarschaft und Solidarität übern Zaun und die Wäscheleine hinweg intakt. Jenes Prinzip Verantwortung, das andere missachteten. Selbst wenn Berthold Beitz mit Blick auf Rheinhausen im nachhinein vom"Trauma" spricht. So wie die Kamera dabei allerdings die Villa Hügel betrachtet, als sei sie die Gibiehungenhalle aus Wagners " Götterdämmerung", muss das Herrenhaus als Gegenmodell wirken. "Die Verdammten", das sind montiert aus altem Schwarzweißmaterial vom 160tägigen Arbeitskampf die Kruppianer, von denen einer sagt "Alles machen se kaputt". Staubige, müde Gesichter. Eine Phalanx wie in Kubricks "Spartacus", wissend um einen verlorenen Kampf. Moralischer Widerstand, hier greift das Wort. Und wieder stürzen bei Kubny, der parteiisch ist was sonst?, Gebäude ein. Es gibt heute nicht nur den Vandalismus in den geschleiften Arealen, es gab auch die Ignoranz der modern gewandeten Stahl und Kohlebarone.

"Das Studium der Stille", um den Erzähler aus Rothmanns "Milch und Honig" nochmals zu zitieren, macht Kubnys Film so beeindruckend Ernst und Eindringlichkeit seiner visuellen Statements. Richard Serras skulpturale Bramme auf der Halde Schurenbach zum Beispiel ragt bei ihm wie der schwarze Monolith aus.

" 2001“, setzt ein Fanal, womöglich für einen Neuanfang. Im Zeitraffer wird der Strukturwandel erfasst bis zur Erlebnis und Einkaufskultur im "Centro", bis zur Expedition des Theaters Oberhausen, das eine Halde bespielt. "Die Zukunft sind wir": Es bleibt fast das letzte Wort.  ANDREAS WILINK 

WAZ 

„Das Ruhrgebiet ist das italienischste Fleckchen Erde in ganz Deutschland.“ Das kann nur einer sagen, der ein Ruhri aus voller Überzeugung ist. Im Dokumentarfilm „Abenteuer Ruhrpott – Ein starkes Stück Heimat“ wird die Frage, welchen Zugang die Menschen zum Ruhrgebiet haben, aus emotionaler Sicht beantwortet.Bereits 2001 lief die vierteilige Dokumentation „Abenteuer Ruhrpott“ des mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilmers Werner Kubny im WDR. Der enorme Zuschauerzuspruch motivierte zu Größerem: eine abendfüllende Filmdokumentation fürs Kino. Dieser Aufgabe hat sich Kubny mit Unterstützung der Filmstiftung NRW, des WDR und weiteren Firmen und Verbänden des Ruhrgebiets gestellt.

200 Stunden gedrehtes Material, 101 Drehtage, 130 Schnitttage. Das Ergebnis: eine 100minütige kulturhistorische Dokumentation, hochemotional geladen, liebevoll ästhetisiert und brisant inszeniert, in 35 mm auf Großbildleinwand gebannt. Zentrales Motiv für Kubny ist seit jeher die filmische Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Mensch und Realität. Seine Arbeiten beziehen sich daher immer auf Betroffene, auf deren Leidenschaft und deren Engagement vor einem historischen Hintergrund. Kleine Sentimentalitäten und Sehnsüchte beschäftigen Kubny dabei ebenso wie die großen, umwälzenden Prozesse.„Abenteuer Ruhrpott“ ist ein Sittengemälde einer unmittelbaren und konfliktgeladenen Lebenswelt. „Ruhrpott“, das ist Kohle und Stahl – die Wiege der Industrialisierung und des Wohlstandes heutiger Zeit. „Ruhrpott“ ist aber auch seit drei Jahrzehnten der Ort ständiger Auseinandersetzung mit den Entscheidungen eines programmierten Strukturwandels. Im Lichte genau dieses Wandels erzählen Menschen ihre ganz persönliche Geschichte. Kubny lässt sie alle zu Wort kommen: Da ist beispielsweise der Taubenzüchter aus der Siedlung Eisenheim. Damals, als das Ruhrgebiet noch ein Revier der Vereine war – Fußball, Knappenchor, Schützenverein, Brieftaubenhaltung – liebte er die dörfliche Geselligkeit mitten in der Stadt. Und noch heute sind seine Vorstellungen von Leben und Glück bescheiden, aber zeugen von innerer Zufriedenheit und einer Zukunftsperspektive. Seine kleine heile Welt hat Inhalt: die Frau an seiner Seite, die Liebe zu seinen Tauben und der kleine Wunsch nach Gesundheit im Alter. Inhalte, die Hoffnung machen. Hoffnung auf ein Stück Heimat im Ruhrgebiet.Bergleute der im April 2000 geschlossenen Zeche Hugo in Gelsenkirchen offenbaren, was es bedeutet, ein Bergmann zu sein. Ihre verrußten Gesichter zeugen von der Härte ihrer Arbeit und verkünden zugleich ihren Stolz auf das Getane. Auch die einzigartige Geschichte der Menschen im ehemaligen Kruppstahlwerk Duisburg Rheinhausen verdeutlicht, dass Stahlarbeit mehr ist als nur Kraft und Schweiß. Sie symbolisiert vor allem Zusammenhalt, Kameradschaft und Solidarität. „Die Arbeit der Kruppianer von 100 Jahren wird mit der Abrissbirne auch in den Köpfen weggehauen”, sagt Helmut Laakmann, ehemaliger Betriebsleiter des Stahlwerkes. Doch Krise ermöglicht Aufbruch. Deshalb steht „Abenteuer Ruhrpott“ auch für Hoffnung jenseits der alten, verkrusteten Strukturen und Hierarchien industrieller Vergangenheit. Vom letzten BandonionOrchester des Ruhrgebiets bis zum HipHopGroove einer jungen Generation verbindet der Film alte und neue Wesenszüge einer Kultur, die im Kampf um Identität und Integration von Menschen anderer Nationen und Ethnien über Generationen hinweg unverwechselbare Eigenarten entwickelt hat. „Für Generationen nach uns wird damit dieser ‚Augenblick‘ des Wandels durch die Augen seiner Protagonisten erlebbar. Es entsteht ein neues Verständnis, durchaus mit nostalgischen, vielleicht auch wehmütigen Gefühlen, aber in Erkenntnis der Notwendigkeit von Veränderung. Es entsteht Mut für zukünftige Ziele und Visionen“, erklärt Regisseur Kubny die Intention seines Dokumentarfilms.

In den folgenden Wochen und Monaten wird „Abenteuer Ruhrpott“ als Filmevent samt Rahmenprogramm an fünf weiteren ausgewählten Orten der Industriekultur – wie auf der Zeche Zollern und der Kokerei Zollverein – aufgeführt. Daneben kommt er auch in die Programmkinos. Schon heute wird dem Film Kultstatus attestiert. Denn er zielt auf innere Befindlichkeiten und erregt bei den Menschen ein ganz spezielles Selbstwertgefühl: Stolz. Stolz auf ihre Heimat. „Glück auf.“ Susanne Schernewski


NRZ - Neuer Revierfilm 

ESSEN. Da stehen sie, schwarz vom Kohlenstaub, aber mit der Gewissheit in den blauen Augen: "Wir sind wer!" Szenen aus "Abenteuer Ruhrpottein starkes Stück Heimat". So heißt ein Film, den Regisseur Werner Kubny zunächst für das WDRFernsehen drehte und der jetzt in einer ergänzten Kinofassung nicht nur die Eröffnung der Essener Lichtburg am Wochenende begleiten wird, sondern auch ganz normal in die Programmkinos kommt. Kubny drehte den Film, um den wirtschaftlichen Wandel im Ruhrgebiet zu zeigen, den Verlust der letzten Zechen, den Verlust und Abbruch des KruppWerkes Rheinhausen. Er schildert das mit viel Sympathie für die Menschen des Reviers. Immer wieder lässt er Bergleute zu Wort kommen, deren Großeltern schon unter Tage arbeiteten, und die sich kein anderes Leben vorstellen können. Die Kamera verharrt auf alten Zechenkolonien und dem Gesicht von Professor Roland Günther, der viel zu ihrer Erhaltung tat, im Film aber nicht mit Namen genannt wird. Und dann der Kampf um Rheinhausen: Immer wieder kommt einer der Sprecher der Belegschaft zu Wort, der schließlich aus den Trümmern der Existenz Neues schuf. Bewegend, anrührend, informativ, gewiss. Indes, nach dem zwölften Bild einer leeren Industriehalle, eines alten Förderturms, der sich anklagend gen Himmel reckt, eines Bergmanns vor Kohle, einer Rundsicht über öde Schlackenhalden stößt es einem auf. Es werden zwar kurz und knapp ein paar neue Ansätze für andere Industriezweige gezeigt, aber der Regisseur hat nur den Verlust, nicht den Wandel begriffen. Bürger, Museen, Unis? Fehlanzeige! Zudem ist Ruhrgebiet für ihn nur eine Landschaft der Berg und Industriearbeiter. Dass es hier eine starke, durchaus tragende Bürgerschicht gibt, dass allein drei neue Universitäten im engen Umkreis gebaut wurden, dass man bedeutende Theater, Museen, Forschungsinstitute und Kliniken hatalles nicht der Rede wert. Ganz verliebt ist Kubny dagegen in menschliche Eigenschaften, die er für reviertypisch hält: Toleranz, Humor, Kollegialität, die auch dem Türken entgegengebracht werden, sofern er unter Tage deutsch spricht. Eine Griechin mit Heimweh und eine Türkenhochzeit stehen pars pro toto für die nach Kubnys Meinung gelungene Integration. Die Bilder (Kamera Jörg Adams) sind von nostalgischer Schönheit, aber sie zeigen ein Revier, das es eher selten gab und gibt. Arbeitersiedlungen etwa, die mittlerweile nur einer kleinen Minderheit der Einwohner noch Heimat sind... MARLIS HAASE 


WAZ Essen - 75 Jahre nach dem ersten Filmstart zeigt sich die Lichtburg runderneuert, aber bleibt ganz die Alte

Das Ruhrgebiet hat seine Lichtburg zurück: Seit gestern gibt's wieder Kino im größten Filmpalast Deutschlands nach einem Jahr der Rundum-Sanierung. Zur Begeisterung der Kinofans ist die Atmosphäre ganz die alte. Doch die Technik dahinter ist vom Allerfeinsten. Mit Werner Kubnys Film "Abenteuer Ruhrpott" startet die neue LichtburgÄra. Doch wirklich fertig sind die Handwerker nicht. Auf den Toiletten im Rang finden Besucher Malerpinsel im Waschbecken, hinter Türen türmt sich Bauschutt, der rote Teppich trägt Spuren groben Schuhwerks. Dabei war die Eröffnung wegen der Bauverzögerungen schon um ein halbes Jahr verschoben worden. "So ist das auf jeder großen Baustelle", sagt Hausherr Thomas Franke. Der ChefVerwalter der städtischen Liegenschaften verweist auf den Aufwand, der hinter den denkmalgeschützten Kulissen getrieben wurde: "Wir haben allein 40 Kilometer Kabel verlegt." Das Premierenpublikum stört sich nicht an den letzten Sanierungsspuren. Es bestaunt den strahlend herausgeputzten Kinosaal und feiert Betreiberin Marianne Menze, als sie auf die Bühne steigt. Sie erinnert an den neunjährigen Kampf um den Erhalt der Lichtburg mit Wim Wenders und Wolfgang Niedecken an ihrer Seite und sagt dann : "Ich finde, sie ist toll geworden. Ich behaupte, sie ist das schönste Kino Deutschlands." Donnernder Applaus. Die Filmstiftung NRW hat den Umbau mit 595 000 Euro gefördertder größten Einzelsumme, die sie je vergeben hat. Es hat sich gelohnt, findet StiftungsSprecherin Claudia Droste und verspricht: "Hier wird es große Momente geben, die in den Schachtelkinos fehlen." Die 1250 Premierengäste fühlen es auch: In Essen ist der Film wieder daheim. Von Kai Süselbeck


"Abenteuer Ruhrpott" kommt in die Ruhrgebietkinos Düsseldorf/Ruhrgebiet. 

Den Sprung ins Kino wagt die Werner KubnyProduktion "Abenteuer Ruhrpott" im kommenden Jahr. Im März 2003 soll die fürs Fernsehen produzierte Revier-Dokumentation in der Essener Lichtburg Premiere feiern. Danach gehen Film und Macher auf Tour durch das Ruhrgebiet. Dabei sollen besondere Orte wie der Landschaftspark Duisburg-Nord oder die Essener Zeche Zollverein im Vordergrund stehen. Die Reihe wird als Modellprojekt von der Filmstiftung NRW mit 50.000 Euro gefördert. Als vierteilige Serie war "Abenteuer Ruhrpott" des Autorenduos Werner Kubny und Günter Bäcker bereits im Jahr 2001 im WDRFernsehen und bei 3sat ausgestrahlt worden. In den Filmen schildern Menschen aus der Region, wie sie den Wandlungsprozess der vergangenen 30 Jahre erleben. Zu Wort kommen Menschen, die die Veränderungen als Arbeitnehmer miterleben, sie als Kulturmanager mitgestalten und als Unternehmer forcieren. Gefördert und unterstützt von großen Industrieunternehmen des Ruhrgebietes, Institutionen, Museen, Städten und dem Kommunalverband Ruhrgebiet sowie der Filmstiftung NRW. 

02.12.2002 NRW, Ruhrgebiet, Essen Kultur, Vermischtes