ABENTEUER RUHRPOTT - kulturhistorische Betrachtung des Kinofilms und der 4-teiligen Fernsehdokumentation
Werner Kubny
"An der Nahtstelle zum 21. Jahrhundert bewahren sowohl der Kinofilm als auch die Fernsehdokumentation einen wesentlichen Teil der Geschichte des Ruhrgebietes in Bild und Ton. Es ist der Zeitpunkt, wo sich das Ruhrgebiet augenscheinlich verändert, wo alte Produktionsstätten nur noch Relikte aus einer anderen Zeit zu sein scheinen: Es ist die Zeit des Strukturwandels. Es wird jene Arbeit dokumentiert, die die Identität im Ruhrgebiet schuf, auf die die Menschen stolz sind, die sie auf eine bestimmte Art und Weise liebenswert gemacht hat und von der sie heute profitieren. Der Film erzählt die Geschichte von Menschen in einer Region, die ihr „Leben für ihre Arbeit aufgebracht haben“. An diesem bedeutenden Schnittpunkt werden ebenso jene Macher, die diese Geschichte gestaltet und verändert haben, gezeigt. Für Generationen nach uns wird damit dieser ‚Augenblick‘ des Wandels durch die Augen seiner Protagonisten erlebbar. Und aufgrund des Selbstwertgefühls dieser Menschen im Ruhrgebiet entsteht im Angesicht des Verschwindens der Arbeit der Väter auch in der Trauer eine neue Kraft. Dies bedeutet einerseits neue Arbeit und andererseits auch die Assimilierung des ‚alten‘ Ruhrgebiets. Es entsteht ein neues Verständnis, durchaus mit wehmütigen Gefühlen. Vor allem auch deshalb, weil eine lebendige Kultur zu verschwinden droht, die sich auf der Bergmannsarbeit gründete. Kinofilm und Fernsehfassung „Abenteuer Ruhrpott“ gestatten einen Einblick in die innere Befindlichkeit dieser Region am Wendepunkt ihrer Geschichte."
Prof. Dr. rer. pol. Arnold Voss, Raumplaner, Herne/New York aus Dokumentation Abenteuer Ruhrpott – Fernsehfassung Folge 1
Wenn man sich fragt, was hier im Ruhrgebiet eigentlich das Besonders ist, so fällt einem zunächst einmal die offene direkte Sprache der Leute auf. Eine Sprache, die einem nichts vormacht, wie die Stadt selbst, in der man hier wohnt und wie das Ruhrgebiet insgesamt. Es ist ein harte Region, sie spiegelt keine Schönheit vor. In New York, wo ich viel arbeite, ist es die Dynamik der Dienstleistung, hier ist es die der Industrie. (.....) Was man am Ruhrgebiet begreifen muss, ist, dass Menschen auf eine Region stolz sind, auf die ein Zugereister nicht stolz sein könnte. Die Leute, die hier leben sind es, weil in der Region etwas von ihnen widergespiegelt ist: die Härte eines Aufstiegs und eines Lebenskampfes, die Härte von 100 Jahren Arbeit. Nur so kann man den Stolz der Bergleute verstehen. Wir würden denken: sind wir doch froh, dass diese Arbeit abgeschafft wird. Sie ist gefährlich, nicht wettbewerbsfähig und ökologisch vielleicht auch problematisch. Aber für die Bergleute ist es natürlich mehr, vielmehr. Sie waren und sie sind stolz, wenn sie wieder übertage sind, stolz, das dort unten geleistet zu haben. Dasverstehen andere nicht, aber jeder, der es gemacht hat, der versteht es! Bei den Stahlarbeiter ist es ähnlich. Dieser Stolz, in 100 Jahren gewachsen, zieht sich so durch die ganze Region. Die Leute waren und sind stolz, weil es ihre Heimat ist und sie wissen, dass man hier kämpfen muss, dass es hier nicht ein einfaches Leben ist. Selbst bei mir, der einen ganz anderen Beruf hat, gibt es diese Verbundenheit mit dem Gefühl, hier zuhause zu sein. Das sind, so denke ich, auch die Angriffspunkt für Veränderungen. Die Leute haben eine große Bereitschaft anzupacken, sie identifizieren sich mit dem was hier gemacht werden soll. Das sind exzellente Voraussetzungen für einen realistischen Strukturwandel. Wir sollten uns im Ruhrgebiet stärker auf unsere eigenen Kräfte besinnen.
Prof. Dr. Klaus Tenfelde - Meine Vision vom Ruhrgebiet...
„Wenn ich das richtig sehe, ist das Ruhrgebiet die einzige Großregion der Schwerindustrie auf der ganzen Welt, die als lebendige, urbane Stadtregion in die Zukunft entlassen wird. Sie wird überleben. Blicken wir einmal nach Liège, Lüttich in Belgien, oder nach Nord-Pas-de-Calais in Frankreich, schauen wir in die englischen Kohleregionen, weiterhin nach Asturien oder nach Pittsburgh in den USA: Dort, wo der Bergbau und wo die Stahlindustrie verschwunden ist, sind devastierte Regionen, Ghost Towns, wie es die Amerikaner nennen, übriggeblieben. Verlassene Städte mit sozialen Notlagen sondergleichen und einer um sich greifenden Armut, die mit Orientierungslosigkeit der Bevölkerungen einhergeht.
Im Ruhrgebiet ist es dank des sozial geleiteten, politisch geführten Strukturwandels gelungen, lebendige Städte zu erhalten. Das ist für sich eine bedeutende Leistung von Politik. Und nachdem wir wissen, dass dies so erhalten ist, wird es sich auch für die Zukunft als urbane Kernregion stabilisieren. Meine Vision des Ruhrgebiets heißt Ruhrstadt: Eine zentrale, mit allen urbanen Qualifikationen ausgestattete Bevölkerungsballung im Herzen Europas, in der nicht der Kirchturmsegoismus verschiedener Stadtverwaltungen – einander auskämpfend sozusagen – das Feld beherrscht, sondern in der die Menschen auf ein natürliches Zentrum hin zwischen Duisburg und Dortmund orientiert sind, das ihnen auch die architektonische Sicherheit der gebauten Stadt verleiht. Wir sind auf dem besten Wege dahin.
Aber es gibt noch genug Betonköpfe hierzulande, die lieber in Dortmund das Westfalentum und in Duisburg das Rheinische feiern, statt sich von beiden Flügeln her auf die Mitte und auf die eigene Vergangenheit zu besinnen, denn dies ist die Orientierung, in der wir leben. Und wenn es hier einen gewissen Stolz gibt, dass der Strukturwandel ganz ordentlich angegangen ist, dann ist nichts berechtigter als das. Denn nach der Leidensgeschichte der Montanindustrie hat es eine Leidensgeschichte am Strukturwandel gegeben. Wir sind jetzt in einer Phase, in der wir erstmalig ein natürliches Verhältnis zu Vergangenheit finden, eine klare Identifikation. Hamburg hat die Hansetradition, München hat die Wittelsbacher, die Kölner haben ihre Bischöfe ebenso wie die Münsteraner. Das Ruhrgebiet aber hat seine Schwerindustrie als orientierenden historischen Kern. Und das ist schon was für die Zukunft, diese Monumente bleiben uns erhalten. Dank IBA Emscherpark, dank auch eines distanzierten, abgemessenen, differenzierten Verhältnisses zur Vergangenheit. Dies Verhältnis aber gewinnen wir nur, nachdem wir diese Vergangenheit überwunden haben.“
Prof. Dr. Klaus Tenfelde -
Institut für soziale Bewegungen, RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM
Aus: Dokumentation ABENTEUER
RUHRPOTT - TV Ausstrahlung Folge 4 - WDR/3-Sat
Der Sound der Stoffströme- das Sounddesign
Werner Kubny - "Meine Vision der Klänge dieses Films"
Schon während meines Studiums in Essen fühlte ich, dass das Ruhrgebiet einen anderen Pulsschlag hat, als jenen, den ich gewohnt war aus Düsseldorf oder noch viel früher aus den Wäldern meiner Kindheit. Nicht nur die Bilder der rauchenden Schlote am Horizont meines Blickes aus meinem Fenster begeisterten mich in dieser Zeit. Besonders die Geräusche, Töne, Klänge gruben sich tief in mir ein.
21 Jahre später begann ich, diesen Film zu drehen. Wir als Produktionsteam waren beeindruckt schon von der Wucht der Bilder, die wir einfangen konnten. Von Tag zu Tag aber kamen die Erinnerungen an diese mächtigen Klänge wieder hoch. Die Töne gingen mir wieder ins Mark sie hatten stets in mir geschlummert.
Ich wusste schon zu Beginn meiner filmischem Arbeit: eines Tages würde und möchte ich die Mauern der industriellen Verschwiegenheit für Nichteingeweihte überwinden und zum Kern dieser Geräusche, dieses Sounds vordringen. Deshalb war es bei der insgesamt 4-jährigen Produktion von ABENTEUER RUHRPOTT auch von Beginn an für mich nicht nur wichtig, die verbotenen Orte einer Schwerindustrie bildlich zu erfassen, was schon gewaltig und schwer genug ist, sondern auch mit den Ohren eines wunderbaren Tonmeisters diesen Geräuschen auf die Spur zu kommen. Immer, wenn wir mit Sicherheitsingenieuren im großen Tross uns endlich dem Ort meiner Sehnsüchte näherten, hörte ich zuerst die Geräusche das Ohr ist schneller, aufmerksamer, bewusster. Wir haben bei dieser Produktion viel Zeit auf den Ton, einen guten Ton, den Sound verwandt. Mein Haupttonmeister Andreas Fragel ist oftmals nach den eigentlichen Dreharbeiten mit seinen Stereomikrophonen unterwegs gewesen, um diesen Sound einzufangen. Es ist ihm eindrucksvoll gelungen. Mit Frank Niehusmann habe ich aber dann den Soundkünstler gefunden, der aus diesen Geräuschen ein Kunstwerk zu machen verstand. In unendlicher Kleinarbeit hat er die Töne der Schwerindustrie, die gewaltigen und die kleinen, aus Bergbau und Stahlindustrie, aus Autowerken und Solarfabriken zu eindrucksvollen Collagen montiert. Mit dem Schnittmeister Christoph Tetzner und dem Tonmischer Stefan Korte vom RUHRSOUNDSTUDIO ist diese großartige Arbeit zu einem SOUND gemischt worden, den ich schon lange im Herzen hatte. Die Musik von Pete Wyoming Bender, dessen Wurzeln bis zu den Indianern nach Nordamerika reichen, hat dieses Kunstwerk kongenial vervollständigt. Ich danke allen, die geholfen haben, dies zu ermöglichen.
Werner Kubny - Regisseur und Produzent